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Andrew Zoghbis Geschichte bekommt ein Happyend.

Dieser Mann lässt sich nicht unterkriegen

Lesedauer: ca. 3 Min. | Text: Dagmar Hojtzyk

Titelfoto: Andre'Chrost


Nach Mordversuch, Schutzgelderpressung und vielen Hindernissen findet Andrew Zoghbi Halt und Hilfe beim Diakonischen Werk.

Andrew Zoghbi ist 50 Jahre alt. Das Leben hat ihm Einschnitte beschert, an denen manch anderer zerbrochen wäre. In seiner Gaststätte wurde er brutal überfallen. Die Täter wurden nicht gefasst. Wieder zurück im Leben, macht er sich selbstständig mit einem Autohandel, später folgt ein zweiter Versuch mit einem Gasthaus. Da kommen Schutzgeld-Erpresser, wieder Prügel, Gewaltdrohungen. Das war zu viel. Er gibt den Laden ab, hat Schulden. Dann psychologische Behandlung in der Hertener LWL-Klinik : Medikamente, Gesprächsgruppen, Traumatherapie. Schaut er heute auf das Erlebte, taucht vor seinem geistigen Auge das Diakonische Werk im Kirchenkreis Recklinghausen wie ein Silberstreif am Horizont auf. Diakonie und die Psychiatrische Klinik Herten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) arbeiten zusammen. „Die Diakonie hat mir Kraft gegeben“, sagt er. Besonders einen Mann wird er nie vergessen: Daniel Hoffmeister. „Eine Stunde mit ihm hat mir mehr gebracht als viele Wochen Reha.“ Andrew Zoghbi ist Recklinghäuser, lebt mitten unter uns. Was er erlebt hat, spielt sich nicht irgendwo in finsteren Winkeln der Welt ab, es ist Teil des Lebens seiner Heimatstadt. Auch die Hilfe, die er erfahren hat, ist Teil dieses Lebens. Seine Geschichte ist bewegend. 1970 wurde er im Libanon geboren. Sein Vater Franzose, seine Mutter Deutsche aus Recklinghausen. Andrew hat zwei ältere Brüder, wächst mehrsprachig auf, spricht fließend Deutsch und Arabisch. Als er sieben Jahre alt ist, kehren die Eltern aus dem Libanon nach Recklinghausen zurück. Andrew lebt mit Familie und Oma auf der Hillerheide. Die Oma weckt in ihm eine Leidenschaft, die ihn nie wieder loslassen wird: das Kochen.

In die Selbstständigkeit

Andrew macht seinen Hauptschulabschluss und eine Ausbildung zum Betriebsschlosser. Mit 21 das große Fragezeichen. „Will ich die nächsten 40 Jahre als Schlosser arbeiten?“ Wollte er nicht, und so wagt er 1992 den Sprung in die Selbstständigkeit. Er übernimmt einen Kiosk an der Herner Straße und kurze Zeit später kommt nebenan eine Pizzeria dazu. Andrews Traum hat sich erfüllt. Dann, vier Tage vor Weihnachten 1995, die Albtraumnacht. Andrew Zoghbi schildert sie so: Er steht in seinem Lokal, dann ein Angriff, jemand schlägt ihm eine Flasche über den Kopf. Er geht zu Boden, wird getreten. Am nächsten Morgen findet eine Nachbarin ihn blutüberströmt. Die schweren Verletzungen führen zu Gehirnbluten. Andrew Zoghbi kann sich später an nichts mehr erinnern, was zur Aufklärung des Falles beigetragen hätte. „Der Mordversuch wurde nicht als Arbeitsunfall angesehen“, sagt er. Lange erhält er einen wichtigen Hinweis nicht. „Nach einer Gewalttat sollte man sofort, spätestens innerhalb eines Jahres, über den LWL einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz stellen.“ Ansonsten entfallen Ansprüche. So war es bei ihm. Er bekam nur wenig Geld, hatte gleichzeitig Schulden: „Meine Eltern sind für mich aufgekommen.“ Immer wieder versucht er, aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen. Doch acht Jahre lang ist sein Leben eine Berg- und Talfahrt. Vor etwa fünf Jahren dann bekam er den Hinweis, sich an die Diakonie zu wenden. Das brachte die Wende: Er besucht drei Monate den Berufsbildungsbereich in der „Werkstatt am Förderturm“, dem Angebot für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Danach arbeitet er 24 Monate auf einem ausgelagerten Arbeitsplatz. „Menschen mit Einschränkungen werden hier so begleitet, dass sie ihr gewünschtes berufliches Ziel erreichen“, erklärt Diakonie-Sprecher Michael Wiese.

Der Kreis schließt sich

Andrew Zoghbi findet seinen ausgelagerten Arbeitsplatz in Recklinghausen. Hier schließt sich 2018 der Kreis und Andrew Zoghbis Geschichte bekommt ein Happyend. Seit zwei Jahren hat er einen festen Arbeitsvertrag bei der Staffel Group. Er sieht sich gut eingebettet zwischen seinem Arbeitgeber und der Diakonie. Eines hat er gelernt: „Auch wenn Wolken am Himmel sind, die Sonne geht trotzdem jeden Tag auf.“ 

Info
Diakonie im Kirchenkreis Recklinghausen

www.diakonie-kreis-re.de

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