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André Chrost

Teilhabe durch Technik

Lesedauer: ca. 3 Min. | Text: Jakob Surkemper


In der Diakonie-Werkstatt Waltrop unterstützt smarte Technik Menschen mit Beeinträchtigungen – im Projekt RegHUB-S3.

Beamer, 3D-Drucker und ein riesiger interaktiver Touchscreen – in der Waltroper Werkstatt, einer Einrichtung der Recklinghäuser Werkstätten für Menschen mit Behinderung, ist ein Bereich mit mehreren digitalen Assistenz- und Trainingssystemen ausgerüstet. Lucas Klink sitzt in dieser „Erprobungsecke“ an einem der Systeme. „Bitte ein Teil entnehmen“, projiziert eine Apparatur über ihm auf die Arbeitsplatte. Gleichzeitig markiert ein grüner Spot den richtigen Behälter mit Einzelteilen. Der Werkstattbeschäftigte greift hinein und legt ein schwarzes Element in eine vor ihm liegende Schablone. Sogleich beginnt eine kurze Video­sequenz, die ihm die folgenden Arbeitsschritte erklärt. „Dieser Arbeitsplatz ist interaktiv“, erklärt Abteilungsleiter Jörg Bäumer. „Eine Kamera erkennt, ob der Arbeitsschritt vollzogen wurde, und reagiert entsprechend.“ So sei es möglich, künftig auch Aufträge anzunehmen, die entweder sehr kleinteilig und komplex sind oder eine eng­maschige Qualitätskontrolle erfordern, wie etwa in der Automobilindustrie. „Die Einarbeitung bei komplexeren Arbeiten kann schon mal eine Woche pro Beschäftigtem dauern. Und wenn es eine Unterbrechung, etwa durch andere Aufträge, Urlaub oder Krankheit gibt, starten wir wieder bei Null“, so Bäumer. Hier können solche Assistenzsysteme eine große Hilfe sein. Ein paar Meter weiter ist über einem weiteren Arbeitsplatz ein scheinbar handelsüblicher Beamer verbaut, der ebenfalls Anweisungen auf die Arbeitsfläche projiziert. Über zwei große Knöpfe aktiviert die Vanessa Kahlenberg die nächste Erklärung oder kann einen Schritt zurückgehen. „Hier fehlt die Kamera; die Beschäftigten müssen selbst durch die Erklärungen navigieren“, so Bäumer. Dafür kostet dieser Arbeitsplatz nur 8.000 statt 25.000 Euro.


v.l. Vanessa Kohrenberg, Jörg Bäumer | Foto: Markus Mucha
Lukas Kling | Foto: Markus Mucha

Intelligente soziale Lösungen

Neben diesen beiden Systemen hat der Maschinenbaumeister seit Sommer 2019 mit den Beschäftigten der Werkstatt noch weitere smarte Hilfsmittel erprobt: Virtual- und Augmented-Reality-Brillen, einen 3D-Drucker für den Bau von Arbeitshilfsmitteln oder den großen Flatscreen-Bildschirm, der gedreht zugleich als Arbeitsplatz dienen kann. Das Ganze ist Teil von RegHUB-S3, eines von zwölf Projekten, die das Wirtschaftsministerium NRW im Rahmen des Aufrufs „Umbau 21 – Smart Region“ fördert. Der etwas kryptische Projektname steht dabei für regionaler Hub Smart Social Solutions“, also „regionaler Knotenpunkt für intelligente soziale Lösungen“. Beteiligt sind auch die Bergische Universität Wuppertal, die den gesamten Prozess wissenschaftlich begleitet, und die GBB – Gesellschaft für Bildung und Beruf e.V., die das Projekt koordiniert. In einer ersten Phase wurden die Lern- und Assistenzsysteme im Labor entwickelt, ehe sie in der zweiten Phase in die praktische Erprobung in die Waltroper Werkstatt kamen. Nun sei die dritte Phase gestartet, erklärt Julien Corzilius, Leiter der Waltroper Werkstatt. In dieser Transferphase sollen die am besten geeigneten smarten Systeme auch für Außenarbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden – Arbeitsplätze außerhalb der Werkstatt in Unternehmen der freien Wirtschaft.

Diakonie Waltrop
Diakonie Waltrop | Foto: Volker Beushausen

„Ziel einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung ist immer die berufliche Rehabilitation, also die Integration in den ersten Arbeitsmarkt und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, erklärt Corzilius. Abteilungsleiter Jörg Bäumer ist deshalb gerade mit den Erfahrungen aus dem Werkstattalltag unterwegsin anderen NRW-Werkstätten sowie interessierten Betrieben. „Besonders die beiden Beamer-Arbeitsplätze haben sich in unserem Alltag als praxistauglich erwiesen.“ Aber auch für sie hat der Maschinenbaumeister Verbesserungsvorschläge gesammelt. So regte er eine zusätzliche Sprachausgabe an, da viele Beschäftigte gar nicht oder nur sehr langsam lesen könnten. Bis zum Projektende im April 2021 sollen die optimierten Anwendungen auch in Unternehmen ankommen. Der Beschäftigte Lucas Klink ist jedenfalls begeistert von der Technik. „Das ist eine wahnsinnige Erleichterung. Man lernt durch das System schneller, kann Fehler vermeiden und so mit­halten. Ich kann mir gut vorstellen, außerhalb der Werkstätten damit zu arbeiten.“

 

 

 

 

 

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